{"id":44,"date":"2014-10-23T00:27:30","date_gmt":"2014-10-22T22:27:30","guid":{"rendered":"http:\/\/jupiterkallisto.ch\/?p=44"},"modified":"2015-02-11T21:57:31","modified_gmt":"2015-02-11T19:57:31","slug":"krebs-und-seine-folgen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/jupiterkallisto.ch\/?p=44","title":{"rendered":"Krebs und seine Folgen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Zu viele werden sich jetzt denken dass ich nach Aufmerksamkeit und Mitleid strebe weil ich ja ein ach so armer Junge bin. Falsch.\u00a0<strong>So ein Post wird es definitiv nicht werden.\u00a0<\/strong>Ich habe eine Erfahrung gemacht, \u00fcber die ich schreiben will. Nein, \u00fcber die ich schreiben muss. Ich konnte es bis jetzt noch nicht richtig verarbeiten und deshalb\u00a0ist dieser Post eine Art Therapie f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Dann beginnen wir mal am Anfang. Ausgangssituation: Wir schreiben das Jahr 2011. Meine Mutter und mein Vater sind seit Jahren geschieden. Mein Vater lebt zwei D\u00f6rfer weiter, ich besuchte ihn jedes zweite Wochenende, bis ich im August 2010 meine Ausbildung begann, in der ich jeden Samstag arbeite und deshalb fielen die Wochenendbesuche flach.<\/p>\n<p>Mein Vater war nie der, der sich gross um seine Gesundheit gek\u00fcmmert hat. Er hatte st\u00e4ndig Husten, rauchte ohne Ende und trank regelm\u00e4ssig nicht gerade wenig Bier. Aber er hatte immer einen Job, gute Freunde und solange er das hatte, ging er nie zum Arzt. Auch wenn seine Hustenanf\u00e4lle immer schlimmer wurden.<\/p>\n<p>Im Mai 2011 (weder ich, noch meine Schwester oder Mutter hatten Geburtstag) und es klingelte pl\u00f6tzlich an der T\u00fcr, da stand mein Vater mit einem braunen Umschlag in der Hand. Was wollte er bloss? Er sah blass aus, aber ansonsten stark und kr\u00e4ftig wie immer. Er fragte ob er rein kommen konnte, weil er etwas mit uns zu besprechen hatte. Also setzte er sich an den Tisch, ich\u00a0stellte ihm einen Kaffee hin und setzte mich neben ihn. Meine Mutter und meine Schwester sassen am anderen Ende des Tisches. Schweigen. Es dauerte lange, bis er zu reden begann. Dann wurde sein Gesichtsausdruck anders. Er ver\u00e4nderte sich langsam vom stolzen und gl\u00fccklichen Vater, hin zu einem ungewissen, ver\u00e4ngstigten Mann. Dann begann er: &#8222;Ich komme gerade vom Arzt.&#8220; -er deutete auf den braunen Umschlag- &#8222;Ich&#8230; Ich habe Lungenkrebs.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Stille.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wollte ihm nicht glauben. Also fragte ich nochmals nach, aber er zeigte nur auf den Umschlag. Ich \u00f6ffnete ihn, darin lagen R\u00f6ntgenbilder. Sein linker Lungenfl\u00fcgel leuchtete\u00a0komplett\u00a0Weiss und im rechten war das untere Drittel ebenfalls Weiss. Und es war kein &#8222;freundlicher Krebs&#8220;. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>Ich konnte es nicht fassen. Meine Schwester weinte los und meine Mutter versuchte sie zu tr\u00f6sten. Aber ich sass nur da, mein Vater nahm mich in den Arm und ich wusste nicht, was das jetzt bedeuten soll. Krebs hielt ich immer f\u00fcr eine schlimme Krankheit, aber die w\u00fcrde mich und meine Angeh\u00f6rigen schon nicht befallen, wir sind doch alles gute Menschen. Und so sass ich an dem Abend im Bett, starrte ins Leere und wusste nicht weiter. Meine Welt war gerade zusammengebrochen. Aber weinen konnte ich auch nicht. So vergingen einige Tage, bis sich die gesamte Verwandtschaft traff, um einander zu st\u00e4rken. Als mein Vater sich dann verabschiedete, um nach Hause zu fahren, dr\u00fcckte ich ihn ganz fest. Ich wollte sicher gehen, dass ich mich richtig verabschiede falls&#8230; naja, falls etwas passiert. Sp\u00e4ter\u00a0sagte mein Onkel noch einige Worte, die jeder dachte aber niemand aussprechen wollte. &#8222;Wenn der Krebs ihn nicht umbringen wird, dann wird es die Chemo-Therapie tun.&#8220; Ich muss noch erw\u00e4hnen, dass mein Vater bei einer Gr\u00f6sse von ca. 1.80m und gesch\u00e4tzten 70kg ein sehr schlanker Mann war.<\/p>\n<p>Und so begann die Chemo-Therapie bereits Anfang Juni. Mein Vater str\u00e4ubte sich dagegen wo anders hinzuziehen oder sich helfen zu lassen. Also lebte er weiterhin in seiner Wohnung, nur dass wir ihn w\u00f6chentlich abwechselnd besuchten. Er wurde immer d\u00fcnner und schlaksiger. Dann, Ende Juli, ein Anruf von der Handynummer meines Vaters. Ich konnte das Telefon nicht abheben, also gab ich es meiner Mutter. Sie nahm das Telefon langsam zum Ohr, sah mich aber dann beruhigend an und best\u00e4tigte, dass mein Vater am anderen Ende war. Dann wurde ihr Gesichtsausdruck schlagartig leer. Sie stellte das Telefon wieder auf die Station. &#8222;Die \u00c4rzte haben weitere Ableger des Krebs im Hirn gefunden.&#8220;. Ich stand schockiert da. Wieso in aller Welt hatten die denn nicht bereits vorher den gesamten K\u00f6rper abgesucht? Wieso?! Danach kam die Mitteilung, dass die Chemo-Therapie nat\u00fcrlich auf einer falschen Grundlage zusammengestellt wurde und man die absetzen m\u00fcsse. Man werde nur noch mit Bestrahlung behandeln.<\/p>\n<p>Mitte August. Mein Vater bekam einen Anfall und wurde zur Beobachtung ins Krankenhaus eingeliefert. Danach ging es rapid bergab. Er konnte das Bett nicht mehr verlassen, weil er nur noch aus Haut und Knochen bestand. Sein Gewicht war unter 40kg gefallen und seine Haut fiel wie ein Tuch \u00fcber seine Knochen. Mein Onkel wich seither nicht von seiner Seite. Er bekam von dem Spital ein Klappbett und schlief im Zimmer meines Vaters. Mein Vater verlernte immer mehr. Er begann nur noch zu keuchen und stammeln, sprechen fiel ihm schwer. Er antwortete kurz und knapp mit einem Nicken oder Kopfsch\u00fctteln.<\/p>\n<p>Samstag, 20. August. 5 Uhr Morgens. Das Telefon klingelt.<\/p>\n<p>Meine Mutter, meine Schwester und ich standen vor dem Telefon und wir wussten was nun folgte. Meine Mutter nahm das Telefon ab, stellte es auf Lautsprecher. Mein Onkel sprach langsam und leise. &#8222;Er konnte einschlafen. Um 04:35 Uhr schlief er in meinen Armen ein.&#8220;.<\/p>\n<p>Danach ging alles sehr schnell. Ich rief am Morgen meinen Chef an und erhielt das\u00a0Wochenende frei. Wir fuhren am Morgen zum Spital, um uns zu verabschieden. Noch am selben Tag versammelten sich meine Verwandten bei uns zu Hause. Mein Onkel rief bereits den Bestatter an und besprach\u00a0alles f\u00fcr die Beerdigung. Ich konnte nicht fassen wie schnell alles organisiert wurde.<\/p>\n<p>Erst, als wir an der Beerdigung waren, konnte ich weinen. Und wie ich weinte. Aber auch danach hatte ich immer wieder das Gef\u00fchl, dass ich meinen Vater h\u00f6re. Seine Stimme, sein Duft. Ich sp\u00fcrte seine Anwesenheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn ihr das wirklich alles gelesen habt, habt ihr nun eine Vorstellung davon, was Krebs anstellt. Nicht nur mit der Person, die an Krebs leidet, sondern auch mit ihrer Familie und ihren Freunden. Krebs sollte nicht bel\u00e4chelt werden. Es kann jeden betreffen und es stellt das Leben vieler Menschen komplett auf den Kopf. Mein Vater starb sicherlich nicht nur, weil er viel rauchte. Aber es hat den Krebs definitiv schlimmer gemacht als er eigentlich war.<\/p>\n<p>Seid vorsichtig mit eurer Gesundheit. Gebt auf euch acht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Also, man liest sich.<\/p>\n<p>Jupiter<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu viele werden sich jetzt denken dass ich nach Aufmerksamkeit und Mitleid strebe weil ich ja ein ach so armer Junge bin. 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