300 Tage – Durchdiener in der Schweizer Armee

Tarnmuster

Wie ihr es vielleicht ganz bestimmt mitbekommen habt, war ich jetzt einige Zeit im Militär. Ich bin am 09. März 2015 eingerückt und war bis am 02. Januar 2016 im Militärdienst der Schweizer Armee. Das ergibt 300 Tage, welche ich am Stück grün verbracht habe (Okey ich hab am Ende etwas geschummelt, aber dazu später mehr) und dies nennt man Durchdiener, kurz DD. Dieser Blogeintrag soll nun so eine Art Abschluss dafür werden, sowohl für mich als auch für euch. Für mich zur Verarbeitung des Erlebten, für euch zum Nachlesen wie es sich anfühlt, Dienst in der Schweizer Armee zu leisten.

Ich beginne mal beim Anfang wenn’s recht ist.

Die Rekrutenschule RS

Materialkontrolle

Materialkontrolle in Lyss in der ersten Woche

Nach meiner Aushebung im Dezember 2013 wurde ich der Funktion „Gerätemechaniker DD“ zugeteilt und ich habe mich für die RS im Frühling entschieden, da ich meine Ausbildung erst im August 2014 beendet habe und somit konnte ich noch etwas Geld verdienen vor meinem Dienst. Eingerückt bin ich am 09.03.2015 in der Kaserne in Thun, Kanton Bern, in welcher ich, nach der Aussage der Aushebung, auch die RS verbringen sollte. So kam es aber nicht. In Thun wurde das Material gefasst und schon kurz darauf verschoben (militärisch für fahren oder marschieren) wir bereits nach Lyss, einer kleinen Stadt nahe Biel im Kanton Bern. Ich habe mich schnell mit meinen Leidensgenossen Mitrekruten angefreundet, ehrlich gesagt deutlich schneller als ich das gedacht hatte, aber was erwartet man auch, wenn man in der Woche gut 130 von 168 Stunden miteinander verbringt. Ebenfalls angefreundet habe ich mich sehr schnell mit Brigadier Broccoli, der Kasernen Katze, die zur guten Stimmung und zum Wohlfühlen beitragen soll. Sie ist sogar offizielles Eigentum der Schweizer Armee und freute sich immer über Streicheleinheiten.

Brigadier Broccoli

Brigadier Broccoli auf seinem Lieblingsplatz

Zeitsprung, ca. vier Wochen später. Nach Besuch des PPD-Offiziers (Pädagogisch-Psycholigischer Dienst) habe ich mich kurzerhand bei meinem Zug als homosexuell geouted (Randnotiz: Eine Kompanie hat mehrere Züge. Ein Zug hat mehrere Gruppen). Wie ich darauf kam? Der Offizier, welcher mit uns die Theorie des PPD durchführte, hatte mich wenige Tage zuvor auf Grindr angeschrieben und um einen Dreier mit ihm und seinem Freund gebeten. Dies fand ich einfach zu lustig, um die Story nicht mit meinen Kameraden zu teilen. Die Reaktion darauf war überaus positiv und ich hatte keine Probleme damit. Überraschend sah ich mich nicht ausgeschlossen, sondern weiterhin als einen ganz normalen Teil des Zuges. Die Kameraden waren sogar interessiert darin, mehr über Homosexualität zu erfahren, weil sie es sich nicht vorstellen konnten.

Zeitsprung, ca. zwei Wochen später. Wir hatten nun die gesamte Kaserne für uns alleine, also knapp 60 Personen, da diverse andere Züge sogenannte ABC-Rekruten waren (Atomare-Biologische-Chemische Abwehr) und nach 6 Wochen die Kaserne nach Thun wechselten. die nächsten neun Wochen verbrachten wir mit der Fachgrundausbildung (FGA) der einzelnen Funktionen, so wurde unser 45-köpfiger Zug auf zwei Züge aufgeteilt und wir bekamen einen neuen Zugführer. Nach dem chilligen und angenehmen Zugführer der ersten sechs Wochen stand da nun einer, der Disziplin wollte. Nach kurzer Eingewöhnungsphase war der neue Zugführer sogar besser, da er sich für uns interessierte und unsere Anliegen ernst nahm. Dagegen war aber unser Klassenlehrer in der FGA ein richtiges Arschloch nicht ganz so angenehmer Mensch und die neun Wochen waren ein stetiges auf und ab der Gefühle.

Zimmer

So sahen unsere Zimmer in der Kaserne Lyss aus

Auf die Technik, auf der wir ausgebildet wurden, gehe ich jetzt nicht separat ein. Nicht, weil alles Geheim klassifiziert wäre, nein, sondern will euch das nur langweilen würde. Dennoch war die Ausbildung interessant und die Geräte kennenzulernen war irgendwie lustig, vorallem da wir eine Klasse aus sechs Rekruten waren, die insgesamt vier Lehrer hatten. Den TdA, Tag der Angehörigen, feierten wir ausgiebig, denn da konnten unsere Eltern, Kollegen, Freunde usw. uns besuchen und schauen, wo wir leben, was wir lernen und wie wir arbeiten.

Fahrzeuge

Präsentierung der Fahrzeuge, auf denen wir ausgebildet wurden, am TdA.

Klassenplakat

Das Plakat unserer Klasse am TdA, von mir und einem Kameraden designt und gezeichnet

Zeitsprung, ca. neun Wochen später. Die FGA war beendet, und wir bereiteten uns auf die sechswöchige VBA (Verbandsausbildung) in den Kompanien der Richtstrahlpioniere vor. Der Wechsel von Lyss nach Kloten im Kanton Zürich war nur von kurzer Dauer, denn in der Kaserne Kloten angekommen wurde unsere Klasse auch schon auf zwei Mal drei Personen aufgeteilt und in die Dörfer Rafz und Neunkirch gebracht, welche an der Grenze zu Deutschland, weit oben im Norden der Schweiz liegen. In dieser neuen Kompanie habe ich mich nie geouted, da ich mich nicht wohl fühlte, wenn ich mich outen würde. Fies gesagt waren in dieser Kompanie viele nicht-Schweizer, welche mit Homosexualität wohl nicht gut umgehen können. Dennoch waren die sechs Wochen lustig, da wir als Instandhaltungs-Truppe des Systems nicht viel zu tun hatten. Dennoch mussten wir mitmarschieren und bei einem Marsch war auch mit biwakieren (eine Art campen) geplant, welches mein erstes Biwak seit dem Einrücken darstellte.

Biwak

So sieht ein typisches Biwak im Schweizer Militär aus

Zeitsprung, 31. Juli 2015. An diesem Datum war die RS der „normalen“ Rekruten, mittlerweile Soldaten, zu Ende. Dementsprechend war die Stimmung ausgelassen, denn nach den 147 Tagen Rekrutenschule waren die meisten schon froh genug, endlich fertig zu sein und machten sich nicht über ihre WK’s (Wiederholungskurse) Gedanken, die ihnen noch Jahrelang bevorstehen. Für mich, dem noch 150 Tage bevorstanden, war dieses Datum nicht speziell und so gesehen nur die Hälfte des Dienstes. Aber da Sommer war, und wir bei mindestens 30° Celsius in unserer Uniform schwitzen wie Sau, hätte ich am liebsten auch mit dem Gewissen nach Hause gehen wollen, nicht mehr wieder zu kommen.

Stadtkaserne Frauenfeld

Innenhof der Stadtkaserne Frauenfeld

Zeitsprung, 04. August 2015. Der Zeitpunkt war gekommen, um in die Durchdiener-Kompanie einzurücken, welche sich in der Stadtkaserne in Frauenfeld, Kanton Thurgau, befindet und den klingenden Namen FU Ber Kp 104 (Führungsunterstützungs Bereitschafts Kompanie 104) trägt. Die Kaserne ist relativ alt und sieht von aussen aus wie eine Psychiatrische Anstalt was es ja eigentlich gelinde gesagt auch ist. Die nächsten 5 Monate wurden eine Achterbahnfahrt aus positiven und negativen Erlebnissen, wobei die negativen hier leider überwiegten.

Technische Ausbildung

Technische Ausbildung in der Kaserne Auenfeld

Für mich als Gerätemechaniker bzw. Diagnostiker des Systems waren die ersten Wochen mehrheitlich langweilig. Die Ausbildung, welche wir als Kompanie bekamen, brachte mir nichts, da ich schon auf allen Systemen ausgebildet war und so war ich meist gelangweilt während der Ausbildung. Als wir uns selbst gegenseitig ausbilden mussten, war ich dann doch wieder etwas gefragt und so machte es mir dann doch wieder etwas Spass.

In dieser Kompanie habe ich mich ebenfalls relativ früh geouted, da ich wusste ich würde viel Zeit mit diesen Menschen verbringen. So musste ich mich auch in dieser Kompanie nicht verstecken. Meine Kameraden nahmen es alle locker auf, auch wenn es einige wenige Ausnahmen gab. Mehr über Homosexualität in der Armee könnt ihr hier nachlesen.

Die folgenden Wochen und Monate waren vollgestopft mit Ausbildung, Übungen usw. quer durch die Schweiz. Wallis, Graubünden, Zürich waren alles Stationen der Einsätze. Leider war die Zeit auch vollgestopft mit Lügen der Berufs- und Zeitmilitaristen. So wurde künstlich die Laune etwas oben gehalten, in dem uns Abtreten an einem Freitag oder Einrücken an einem Montag versprochen wurden, die dann kurzerhand wieder gestrichen wurden. So machten die hohen Militaristen sich leider keine Freunde in unserer kleinen Kompanie und die schlechte Laune änderte sich schnell zu Ärger und Wut, welche dann in Desinteresse, Verweigerung der Arbeit und Ausschweifendem Ausgang zeigte.

Im Oktober wurde ich zum Obergefreiten befördert, zwei Ränge über dem Soldaten. Dies ist aber wohl nicht auf „gute Leistungen“ zurückzuführen, sondern mehr darauf, dass ich der einzige Diagnostiker der Kompanie war und das System am besten kannte. Ehrlich gesagt, ich hab’s gerne angenommen. Ich hatte im Juli, kurz vor der Durchdiener Kompanie, noch die Idee, ob ich weitermachen soll und Offizier oder Feldweibel werden soll. Leider hat mir die DD Kompanie die Lust am Militär aber komplett vermiest und so habe ich diesen Gedanken vergraben.

Die beste Zeit in dieser Kompanie war diese, als das neue Kontingent Ende November einrückte. Wir konnten unser Material abgeben und waren so schnell für die Leiter der Kompanie nicht mehr das Ziel der Aufmerksamkeit. Der Fokus lag auf dem neuen Kontingent und so wurden wir endlich in Ruhe gelassen und wir verbrachten die letzten Wochen und Tage im Militärdienst noch etwas fröhlicher als bisher.

In der drittletzten Woche des Jahres 2015 bereiteten wir unsere Entlassung vor, indem wir einiges an Material abgeben konnten. Nun stellte sich doch langsam ein ähnliches Gefühl ein, wie die Kameraden am 31. Juli hatten. Nur noch besser, da wir die Gewissheit hatten, nie wieder Militärdienst leisten zu müssen. Die einzigen Verpflichtungen  die wir noch haben werden, sind die jährliche Schiesspflicht und das restliche Material mit 30 Jahren abzugeben.

Abgegebenes Material

Diverses Material, welches ich schon abgeben konnte und nicht mehr Zuhause bunkern muss

Am 18. Dezember 2015 um knapp 9 Uhr Morgens wurden wir in die Weihnachtsferien entlassen. Und da unsere Marschbefehle nur bis am Samstag, 02. Januar 2016 dauerten, die Ferien aber erst am Sonntag, 03. Januar 2016 endeten, wurde unser Militärdienst mit zweiwöchigen Ferien beendet.

FU Ber Kp 104

Meine Kompanie, mit der ich 137 Tage verbracht habe

So, jetzt habt ihr so einiges von mir gelesen und ich bin stolz auf euch, wenn ihr das alles bis hier durchgehalten habt.


Also, man liest sich.

Jupiter

© Alle Bilder sind Aufnahmen von mir und mein Eigentum.

2 Kommentare

  1. Thomas · Januar 5, 2016

    Wieder schön zu lesen! Ich habe keinen Wehrdienst geleistet bzw. leisten müssen, im Nachhinein bereue ich es aber ein wenig. Die Erfahrung wäre sicherlich nicht schlecht gewesen, auch wenn das Militär (in meinem Fall die dt. Bundeswehr) sowohl positive als auch negative Seiten hat, wie du ja auch geschrieben hast.

  2. Domi · Januar 5

    I bi zuefellig ufdi Siite gschtosse weli eigentli ha wölle ufem Filmcheck öppis noluege.

    I bi au ide gliichige RS gsi, im Zug Sutter bide Diagn. Komm.